Archiv für den Monat Oktober 2014

Rosas Decke im Härtetest

Herbst

Pünktlich zur Paddocksaison fängt der Herbst an. Komisch, wie das immer so auskommt.
Gestern war noch Sommer und wir hatten ganz viel Platz und nicht mehr ganz so viel Gras, heute gibt’s Paddock und Heu, aber so viel, dass Faxe und ich den ganzen Paddock damit dekorieren konnten. Also von daher: coole Sache. Bei Faxe besteht ja immer die Gefahr, dass er aufgrund seiner Tinkerhaftigkeit zum Staubsauger mutiert und alles isst, was er findet. Er sagt dann immer, bei uns könnte man vom Boden essen, es läge ja genug rum 😉 Da kann er sich aber jetzt auf dem Paddock ranhalten und es bleibt immer noch genug für die Frau übrig. Zum Selberessen Aufräumen.

Die Frau ist sich treu geblieben und hat die Gelegenheit genutzt, auf einen Satz mehrere Paddockdecken für mich zu kaufen. Anscheinend hat sie eine Pferdedecken-Flat. Die braucht sie auch, weil mir entweder zu kalt oder zu warm ist – ihr kennt das.

Wir sind jetzt auch alle im Qualitätsmanagement tätig und testen unsere Decken regelmäßig auf Reißfestigkeit. Rosas Lieblingsdecke (ihr seht sie auf dem Foto, und ich soll euch ausrichten, dass die Farbe Berry heisst und total in ist) ist anscheinend ziemlich unverwüstlich. Else hat auch eine Decke in der Farbe. Um ihr zartes, mädchenhaftes Wesen zu betonen, sagt sie. Ja sicher, wenn Else mal grade niemanden durch die Gegend jagt, ist sie wirklich kuschelig und anschmiegsam. Da muss man sich aber beeilen, damit man’s mitkriegt 😉 Ich würde mich auch nicht trauen, sowas zu schreiben, wenn ich nicht genau wüsste, dass Else und ich durch 10.000 Volt getrennt sind 😉

Else und Bonito stehen nämlich auf dem Nachbarpaddock, und Faxe und ich haben ein Paddock nur für uns. Bonito ist neu. Er wohnt erst seit ein paar Wochen bei uns, und in seinem alten Stall war er Herdenchef. Davon merkt man im Moment aber nix, denn die zarte und mädchenhafte Else mobbt ihn. Er hätte die falsche Farbe und man würde sich ja eigentlich gar nicht kennen, meint sie. Da wäre es doch ein bisschen viel verlangt, wenn man so einfach zwangsverpartnert würde. Eigentlich lustig, denn bei Konrad hat sie sich nicht so angestellt. Der hat sie mit seinem gesamten muskelbepackten Körper angelächelt und BAM! war sie hin und weg. Aber jetzt tut sie ganz entrüstet und scheucht Bonito übers Paddock. Der kann ihrer geballten Masse Kraft Anmut nicht wirklich was entgegensetzen und ist beeindruckt. Faxe hat er wohl gesagt, er täte das nur, um ihr Selbstbewußtsein aufzupolieren, aber ich glaube, er lügt. Elses Selbstbewußtsein ist nämlich genauso groß und stark wie Else selbst.

Das war aber nicht immer so. Als sie zu uns kam, kannte sie nur ihre Box und im Sommer mal eine Stunde Einzelweide. Wegen der Verletzungsgefahr und weil sie anscheinend so teuer war, dass ihre früheren Besitzer kein Geld mehr für den Tierarzt übrig hatten. Und jetzt hat sie so viel Spaß – zwar auf Bonitos und meine Kosten, aber wir tun es ja gern irgendwas ist ja immer.

Bonito muss also ganz schön viel laufen, weil Else ihn mobbt. Und wenn ich nicht aufpasse, will Faxe ihn auch jagen. Daran erkennt man, dass ich Chef bin. Nämlich daran, dass ich aufpasse und Faxe abschirme. Der gehört nämlich mir und hat sich nicht mit den Nachbarn zu unterhalten.

Leider ist dieses Chefsein und Aufpassen ganz schön anstrengend – damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin auch ein bisschen entsetzt, wie dynamisch Faxe mit einem Mal ist. So kenne ich ihn gar nicht. Nicht, dass er aus Versehen noch abnimmt 😉 Ich bin auf jeden Fall nach 2 Tagen Chefsein urlaubsreif. Nicht, dass ICH noch abnehme!

Interview für die Pferdeflüsterei – sensationelle Enthüllung: Pferde können doch lesen und schreiben

Als Popstar hat man’s schwer – dauernd Autogrammwünsche und Interviews geben. Ihr kennt das.

Ich bin ja sonst sehr zurückhaltend, fast schüchtern, was Meinungsäußerungen im Internet betrifft, aber für die Pferdeflüsterei habe ich eine Ausnahme gemacht, weil Petra so nett gefragt hat. Dabei hat es fast gar keine Rolle gespielt, dass von Möhren (vielen Möhren!) die Rede war und sie mich mit meiner Fernverlobten in Andalusien gelockt hat – die gehört nämlich ihr.

Das Interview findet ihr hier – schaut doch mal rein!

Irgendwie mehr Sport

Frau Reitlehrerin hatte eine gute und eine schlechte Nachricht für mich. Die gute: Ich habe Bauchmuskeln. Die schlechte: Ich muss sie benutzen. Der Frau geht’s anders, aber ähnlich: Sie hat keine Bauchmuskeln, soll sie aber trotzdem benutzen.

Und jetzt? Wird ganz tief in die Kiste mit den guten Vorsätzen gegriffen und festgestellt, dass man ja eigentlich immer schon irgendwie mehr Sport treiben wollte. Außerdem hat die Frau gelesen, dass alle richtig tollen Reiter angeblich nebenbei noch eine andere Sportart betreiben. Sie hat daraus messerscharf gefolgert, dass sie automatisch besser reitet, wenn sie nebenbei was anderes sportelt. Auch wichtig: dass dabei tüchtig Kalorien verbrannt werden. Jetzt, wo die Tage kürzer werden und man immer soviel Hunger hat, spannt nämlich ihr Hosenbund ein wenig. Ich sag ihr das schon lange, aber ich werd hier ja unterdrückt. Gottseidank hat sie es selbst gemerkt 🙂 Einmal hat der Mann den Fehler gemacht und ihre Frage „Bin ich dick?“ spaßeshalber mit „Ja“ beantwortet. Hui, da war was los.

Jetzt beginnt die Suche nach der richtigen Sportart. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Es soll nach Möglichkeit nix kosten, nicht anstrengend sein, aber effektiv, und zusätzlich auch noch Spaß machen. Und Bauchmuskeln.

Langweilige Sit-ups vor dem Fernseher fallen damit schon mal weg. Muckibude? Nee, so viele Muskeln will sie dann doch nicht. Schwimmen? Dauert viel zu lang. Radfahren? Ist fast genauso schlimm. Fussball? Zu anstrengend. Zumba? Zu schwierig. Aikido? Siehe Zumba.

Ich hätte da ja einen Vorschlag: Powermisting. Dem Mann hat es nämlich sichtlich gut getan, dass sich die Frau in der letzten Zeit so oft vor dem Ausmisten gedrückt hat. Er macht einen ziemlich fitten Eindruck, und ich glaube, Bauchmuskeln hat er jetzt auch. Daneben sieht die Frau mit ihrem Waschbärbäuchlein nicht mehr ganz so sportlich aus.

Womit man auch total viele Kalorien verbrennt, ist hügelige Weiden abäppeln, also quasi Extrem-Schubkarren-Schiebing. Auch das hat die Frau schon lange nicht mehr gemacht. Der Mann kann es mittlerweile ziemlich gut und behauptet, es wäre ein Supertraining für die tiefe Bauchmuskulatur.

Ich glaube aber, die allermeisten Kalorien verbraucht man, wenn man versucht, ein unternehmungslustiges Pferd auf der Weide einzufangen. Man hat eine gute Motivation und zusätzlich wird die Lunge schön frei. Wenn es dann noch ein bisschen bergauf, bergab geht, ist das toll zum Abnehmen und gibt vielleicht keine Bauchmuskeln, aber doch zumindest ’ne knackige Hinterhand 😉

Also habe ich gemeinsam mit meiner Vielleicht – bald – nicht – mehr – Ex – Freundin Else (Zitat Else: „Du hast mich heute noch gar nicht geärgert. Ist irgendwas?“ Für Else fand ich das schon sehr romantisch.) ein ausgefuchstes Fitnessprogramm entwickelt. Eigentlich haben wir nichts anderes als sonst gemacht: Ich ärgere Else solange, bis sie mich jagt, aber Fitnessprogramm hört sich cooler an 🙂

Ich kann jetzt also guten Gewissens von mir behaupten, dass ich Gazellen-Gene habe. Oder zumindest wieselflink und wendig bin. Für die Frau reicht‘s jedenfalls. Die hat noch gar nicht versucht, mich zu fangen, und schnauft jetzt schon.

Außerdem hab ich Bauchmuskeln und sie nicht. Ätsch 😛

Alles Kopfsache oder: Mentale Hüftschwünge

Als sie Frau letztens so dollen Muskelkater vom Wanderreiten (und ihrer chronischen Selbstüberschätzung) hatte, dass sie sogar die wöchentliche Reitstunde verweigerte, hat sie von Frau Reitlehrerin eine Hausaufgabe bekommen. Visualisieren nämlich. Aha, staunte die Frau. Was genau sie sich denn darunter vorstellen solle.

Vorstellen wäre genau das richtige Wort, sagte Frau Reitlehrerin. Dass man sich vorstellen würde, wie man bestimmte Dinge tut, damit man ein inneres Bild davon parat hätte. Das wäre total super und würde einem helfen, seine Ziele zu erreichen. Die Frau sagt nochmal Aha, und für einen kurzen Moment leuchtet das Wort „Piaffe“ in ihren hoffnungsvollen Augen auf. Direkt danach kamen „Einerwechsel“ und „Passage“. Ja, da guckt ihr, was? Genauso hab ich nämlich auch geguckt.

Frau Reitlehrerin ist glücklicherweise wesentlich diplomatischer. Sie schlug nämlich vor, dass die Frau sich erstmal mit ganz normalen Sachen beschäftigen sollte– einem richtig runden Zirkel, beispielsweise. Oder pillegrade die Mittellinie runterreiten – in allen 3 Grundgangarten. Das soll sie sich ganz detailliert vorstellen. Wie sie auf dem Pferd (also mir) sitzt und jeden einzelnen Schritt, Trabtritt oder Galoppsprung bewusst reitet.

Ich würde sagen: Eine interessante Herausforderung. Zum Beispiel Zirkel: Unsere Zirkel sind in der Regel monströse Ostereier mit 2 Ecken. Im Gegensatz zu dem perfekten Kreis, den man gemeinhin damit verbindet. Wo man den Hufschlag für eine Pferdelänge betritt und sofort wieder verlässt, weil es ja um eine kontinuierliche Biegung geht. Und zum Thema „geradeaus“ möchte ich anmerken, dass allen, die meine krumm und schief geschnittene Mähne kennen, natürlich völlig klar ist, dass wir die Erfinder der Hufschlagfigur „an der nächsten langen Seite jeweils einen Meter nach rechts und links schwanken“ sind.

Aber ich schweife ab. Die Frau soll sich also vorstellen, dass sie sowas richtig reitet. Frau Reitlehrerin erklärt ihr auch, dass das durchaus anspruchsvolle Übungen sind. Das Allerschwierigste von allem wäre, gut Schritt zu reiten – nämlich zum Beispiel in einer leichten Anlehnung (!) taktrein (!) schön geradeaus (!) zu reiten. Das hätte die Frau nicht gedacht. Sie findet nämlich, dass eine Piaffe viel mehr hermacht als Schritt. Schritt = voll langweilig, Piaffe = toll.

Sie argumentiert, Schritt reiten wäre doch echt nix Besonderes, das würde sie ja jeden Tag machen. Frau Reitlehrerin lobt sie dafür. Wie jetzt – Lob?, denkt die Frau. Ja, sagt Frau Reitlehrerin, Lob! Schrittreiten würde so oft unterschätzt, und es wäre super, dass die Frau jeden Tag ganz bewusst Schritt reitet. Sie fragt die Frau, wieviele meiner Beine sie denn beim Schrittreiten spüren würde. Zwei, drei oder alle vier?

Die Frau kann das so spontan nicht beantworten. Ich bin nicht überrascht 🙂 Ich fand es nämlich ehrlich gesagt eine lustige Idee von Frau Reitlehrerin, die Worte „Frau“ und „bewusst reiten“ miteinander zu kombinieren. Beim Schritt reiten quatscht sie nämlich meistens. Wenn sie nicht gerade auf die Uhr guckt 🙂 Faxe sagt, das wäre doch schon mal was. Andere würden beim Reiten telefonieren oder SMSen. Das ist jetzt aber ein schwacher Trost, finde ich. Faxe meint, ich würde ein wenig angespannt wirken. Ich sollte es doch auch mal mit diesen inneren Bildern versuchen. Er hätte ein ganz Schönes, das dürfte ich mitbenutzen. Und ein Lied dazu, zum innerlich Singen. Es heißt „Probier’s doch mal mit Gemütlichkeit“ . Und was soll ich sagen – es wirkt 🙂

Aber zurück zur Frau. Die fragt gerade, wie und warum man das denn bitteschön spüren sollte, das mit den Pferdebeinen. Frau Reitlehrerin meint, es wäre doch praktisch, wenn man als Reiter wüsste, wo sich die Beine seines Pferdes gerade befinden, und fürs feine Reiten unverzichtbar. (Pst, ich weiß, was die Frau jetzt denkt. Feines Reiten = Piaffe? 🙂 Aber dieses Fühlen kriegt die Frau ja noch nicht mal bei ihren eigenen Beinen hin!). Das sieht die Frau ein. Frau Reitlehrerin meint, man müsste das erspüren, und es wäre eine tolle Aufgabe für die Frau.

Die fühlt sich jetzt ganz wichtig und will unbedingt auch mal was merken darauf achten. Prima, lobt Frau Reitlehrerin, geritten würde mit dem Hintern, und ohne Fühlen ginge es nicht. Beziehungsweise ohne inneres Bild, mit Fühlen. Die Frau reitet jetzt also innerlich Schritt auf dem Zirkel und versucht, jede Bewegung mitzubekommen. Gleichzeitig soll sie mich biegen und stellen, und zwar mit ganz leichter Anlehnung und mit beweglichen Fingern, wie beim Klavierspielen.Und bloß nicht zu viel am inneren Zügel machen! Als nächstes könnte die Frau ja den Trab dazu nehmen und dann vielleicht noch ein Galöppchen. Und immer schöne Übergänge reiten, mit Großwerden im Sattel und so.

Aufregend! Die Frau hat Blut geleckt. Ihre Augen glänzen, und als sie hört, dass das eine ganz tolle Übung ist, die man auch sehr schön im Büro machen kann, beschließt sie, ihre persönliche Produktivität in den nächsten zwei Wochen auf ein Minimum zu reduzieren und stattdessen lieber mental die Hüften zu schwingen. Mit konzentriertem Gesichtsausdruck und einem gelegentlichen Zungenschnalzen.

Länger hält sie eh nicht durch 😉

Vom Reiten und Wandern im Urlaub

Gerade eben stand ich noch tiefenentspannt in meiner Chill Out Area auf der Weide. Die Fellpflege mit Stuti Rosa Faxe war sehr zu meiner Zufriedenheit verlaufen, und die Herbstsonne schien mir angenehm auf den Pelz, als sich eine vertraute Stimme den Weg in meine Gehörgänge bahnte. Die Frau! Schwer bepackt mit Möhren, einem schlechten Gewissen und allerlei Leckereien! Große Wiedersehensfreude bei allen Beteiligten!

Zugegeben, ohne Arbeit auf der Wiese rumstehen und grasen war nicht sooo schlimm, aber mit der Frau ist es viel unterhaltsamer. Vor allem hat man mehr zu erzählen 😉

Ein bisschen habe ich sie nämlich schon vermisst, während langsam die Staubschicht auf meinem Sattel wuchs. Die Frau hatte anscheinend vergessen, den Sattelschoner drauf zu tun. Bei den ganzen Reisevorbereitungen ist das wohl ein wenig in den Hintergrund getreten. Dabei wollte sie nur ein paar Tage wegfahren. Andere treiben so einen Aufwand vor einer Weltreise. Aber man kann ja nicht an alles denken 😉

Gut sieht sie aus – total entspannt und super gelaunt! Fast hätte ich sie nicht wiedererkannt 😉 Sie will auch erstmal gar nix von mir, sondern führt mich nur breitbeinig wie John Wayne von der Koppel. Wie ich wenig später erfahre, hat sie tatsächlich wieder dieses Wanderreiten gemacht, und zwar diesmal mit mehr Reiten als Wandern. Die anderen Pferdebesitzerinnen und –besitzer stehen neidisch und beeindruckt um sie herum, als sie in Abenteurerpose von ihrer Expedition in die Wildnis berichtet. Sogar ich bin beeindruckt und hätte ihr fast die verwegene Geländereiterin abgenommen. Und ich kenne sie schließlich 😉

Faxe murmelt etwas von Karl May, den kenn ich aber nicht. Die Frau erzählt weiter: Ein wenig Muskelkater hätte sie schon, aber eigentlich fast gar nicht. Als trainierte Reiterin hätte man mit sowas ja grundsätzlich kein Problem. Die Reitstunde morgen hat sie aber trotzdem abgesagt. Die in ein paar Tagen sicherheitshalber auch. Ich muss Faxe nachher mal fragen, was der Mann daran so komisch findet.

Dann hat die Frau weitererzählt. Der Mann durfte aber auch mal was sagen, wenn er dazwischengekommen ist 😉 Sie sprechen nämlich noch miteinander – sogar nach dem Urlaub. Faxe meint, das wäre nicht selbstverständlich.

Die Frau ist ja sehr nett und ich mag sie wirklich, aber 24 Stunden können ganz schön lang sein. Ich sehe sie sonst ja nur nachmittags oder abends, aber der arme Mann muss sie sicherlich die ganze restliche Zeit herumschleppen. Ihm scheint es aber Freude zu machen. Ich habe nämlich noch nie gesehen, dass er sie beißen will. Oder weglaufen 🙂 Und das, obwohl sie ihn vom Futter her ziemlich knapp hält. Sie selbst hat aber im Urlaub anscheinend wieder doppelt Heu bekommen.

Zum Thema Gepäck meinte der Mann, ihm würde ja eigentlich eine Zahnbürste reichen. Ab in die Satteltasche und fertig. Die Frau findet das natürlich unhygienisch und unzivilisiert. Der Mann gibt zu bedenken, dass das Trossfahrzeug mit ihren zwei Schrankkoffern aber schon ganz schön voll gewesen wäre. Die Frau gibt ihm da Recht, weist aber darauf hin, dass es ja so wunderbar gewesen wäre, sich abends zum Essen umzuziehen. So wunderbar, wirklich. Alle hätten das gemacht, alle. Außer der Rittführerin und dem Mann.

Der Mann steht dazu, unzivilisiert und unhygienisch zu sein und bleibt dabei, dass das Abendessen in Reitklamotten (ungeduscht!!!) genauso lecker gewesen wäre wie beispielsweise im Taucheranzug oder im Smoking. Angeblich hätte der Mann aber doch vom umfangreichen gemeinsamen Gepäck profitiert und wäre zwischendurch ganz froh gewesen, wenn er mal was Sauberes anziehen durfte. Bevor sich Unfrieden anbahnen kann (und weil ich ja wissen will, wie es weiterging), lenke ich auf konstruktive Art und Weise ab – ich beiße in das umfangreiche Hinterteil meiner Boxennachbarin Else.

Plötzlich sind sich beide wieder einig und beteuern unisono, so etwas hätte es auf dem Ritt nicht gegeben. Da wären die Pferde ganz wunderbar erzogen gewesen und hätten in den Pausen auch sehr brav nebeneinander am Anbindebalken gestanden, ohne sich anzugiften oder heimlich die Knoten in den Stricken aufzumachen. Die Pferde dort seien ja auch ausgelastet gewesen, ergänzt die Frau. Trainiert und ausgelastet, sagt sie und jammert leise, wenn sie sich bewegt. Das Gehen und auch das Sitzen scheinen ihr irgendwie unangenehm zu sein. Ich glaube, ich hab sowas auch schon mal gehabt. Es heißt Muskelkater und man bekommt es, wenn man nicht ganz so sportlich ist, wie man denkt. Manche Leute meinen zum Beispiel, nur weil sie zuhause mal ’ne Stunde reiten, wären sie total durchtrainiert und könnten problemlos tagelang im Sattel bleiben. Genau in dieser Sekunde erinnert der Mann die Frau daran, dass sie es war, die während des Rittes nicht soviel laufen und stattdessen mehr reiten wollte. Weil sie anscheinend nur die schicken, aber leider unbequemen Reitschuhe eingepackt hat 🙂 Und sicherheitshalber noch ein paar schicke, unbequeme Schuhe zum Wechseln 🙂

Jetzt mache ich mir Sorgen, ob ich vielleicht auch so ein wohlerzogenes Wanderreitpferd werden soll. Ausreiten finde ich ja prima, aber dieses tagelange Rumschleppen hört sich schon ein bisschen anstrengend an. Aber Faxe hat mich beruhigt. Hier bei uns wäre das Ausreitgelände nicht so verlockend, dass die Frau ihre Ängste vor Treckern, LKWs und Außerirdischen überwinden würde. Und bis der Muskelkater weg ist, hat sie schon 5 neue Ideen für unsere reiterliche Zukunft gehabt und wieder verworfen 😉

Aber toll entspannt ist sie.

Der Krimi – Kommissar Pfridolin ermittelt weiter (Teil 2)

Hier gehts zu Teil 1.

Irgendwann erhob ich mich dann majestätisch und nahm anmutig die Möhre entgegen, die die Frau mir anbot. Sie erklärte mir mit glänzenden Augen, dass wir ausreiten wollten.

Ich bin ja generell ein großer Freund von Ausflügen, aber bisher war die Freude immer ziemlich einseitig gewesen, vor allem, wenn die Frau meine Entscheidungen hinsichtlich Streckenführung und Geschwindigkeit kritisiert hatte. Wahrscheinlich war sie wieder an den Beruhigungskräutern in der Futterkammer, davon wird man nämlich verwegen und entspannt.

Soso, wir wollen ausreiten. Und wer soll mich vor den Gespenstern und wilden Tieren da draußen beschützen – du etwa?, dachte ich und vernahm erleichtert, dass Faxe und seine Besitzerin mitkommen würden. Prima, dann würde der Dicke zuerst gefressen 🙂

Man muss das verstehen, in der Natur geht es grausam zu. Faxe würde genauso denken und bei einer panischen Flucht –ok, wir sprechen von Faxe. Faxe würde, falls sich seine Reiterin beim gemächlichen Wegtraben vor einer Gefahr nicht mehr im Sattel halten könnte, erst noch ihre sämtlichen Jacken- und Hosentaschen auf eventuelle Leckerli untersuchen, bevor er die wilde Flucht fortsetzt. Und zwar gemächlich von Grasbüschel zu Grasbüschel. So böse ist es draußen in der Wildnis.

Inzwischen war auch Melanie, Faxes Besitzerin, im Stall angekommen und schleppte Putzzeug und Sattel zu Faxes Box. Glücklicherweise ahnte sie nichts von Faxes und meinen Gedanken und hielt uns für harmlose, flauschige Freunde (Faxe) beziehungsweise sympathische Freizeitpferde (mich). „Hey Dana, bist du schon lange da? Oder wohnst du jetzt in der Box? Ist für ein Doppelzimmer eigentlich groß genug, wenn du ein bisschen abnimmst“, lästerte sie. Damit konnte sie nur Dana gemeint haben. Ich bin nämlich ein Barockpferd, das muss einen tiefen Schwerpunkt haben. Von wegen dick.

Die Frau zog sich den Schuh aber nicht an und machte Melanie freundlicherweise darauf aufmerksam, dass auch Faxe nicht der Schlankste war. „Ich weiß. Er kriegt auch eigentlich kaum Futter. Aber manchmal guckt er so traurig, dass ich ihm gar nicht widerstehen kann. Er ist einfach unglaublich leichtfuttrig. Bei ihm setzt alles sofort an“, versuchte sich Melanie zu rechtfertigen.

Ja, Faxe war ein Meister des traurigen Blicks. Jeder Golden Retriever wäre neidisch auf ihn gewesen. Außerdem konnte er Boxen- und andere Türen öffnen, Knoten lösen und sogar ein bisschen lesen, was ganz praktisch war, wenn man Säcke aufreißen wollte und nicht sicher war, ob da Hafer oder Zement drin war. Glücklicherweise hatte er einen widerstandsfähigen Magen und bisher weder Kolik oder Hufrehe gehabt. Nach seinen ersten erfolgreichen Aus- und Einbruchsversuchen hatte sich unsere Futterkammer allerdings in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt. Schade.

Während Dana und Melanie uns vor unseren Boxen anbanden und putzten (Jaaaa, kratz mich da – nein, mehr rechts – jetzt weiter oben!), kam Kiki, die Reitlehrerin, in die Stallgasse. Sie war für einen Menschen erschreckend pfiffig und verstand sogar sehr viel von dem, was Faxe und ich sagten. „Hat einer von euch vielleicht Blacky gesehen? Oder Ralph?“ Hatten Melanie und die Frau natürlich nicht, die waren ja grade erst in den Stall gekommen und hatten sich vorschriftsmäßig nur um ihre Pferde gekümmert.

„Ach, ist unser Ausbrecherkönig wieder unterwegs?“ Blacky, das schneeweiße Minishetty, hatte einen ausgeprägten Freiheitsdrang. Wegen seiner geringen Größe passte es unter den meisten Weidezäunen durch, ohne sich zu bücken. Faxe war zwar auch gelenkig, wenn es um Grashalme auf der anderen Seite des Zauns ging, aber Blacky war einfach unschlagbar und sein heimliches Vorbild. „Ja, dem war es wohl zu langweilig auf der Wiese. Vielleicht hat Ralph ihn ja gefunden.“ „Sein spezieller Freund? Ich glaube nicht, dass sich Blacky von Ralph einfangen lässt. Er scheint ihn nicht zu mögen“, erwiderte Dana. „Das wundert mich gar nicht, und es beruht auf Gegenseitigkeit. Ralph kann es schon nicht verstehen, dass sich jemand so ein Tier anschafft. Noch dazu eins, das zu nix gut ist, wie er immer sagt.“

Ein Sturm der Entrüstung folgte. Dana und Melanie fanden Blacky nämlich großartig. Er gehörte Marie, die auch Companero, meinen spanischen Boxennachbarn, ihr Eigen nannte. Sie hatte ihn von einer Tierschutzorganisation bekommen, die ihn völlig abgemagert und krank aus schlechter Haltung gerettet hatte. Jetzt genoss er das Leben in vollen Zügen. Marie hatte angefangen, ihm Kunststücke beizubringen, und wollte ihn später am langen Zügel ausbilden. Dana und Melanie stellten sich das spektakulär vor – Companero, der spanische Schimmel, und Blacky, das kleine weiße Minishetty, in prunkvoller barocker Zäumung. Wenn der kleine Kerl denn mal da bliebe, wo man ihn hinstellte.

„Schon gut, war doch nur Spaß. Ich finde ihn ja genauso toll wie ihr“, rechtfertigte sich Kiki. „Apropos finden: Wo stecken die beiden denn nur? Ralph und ich waren ja eigentlich verabredet und wollten ein Pferd angucken fahren. Ich such dann mal weiter.“ Sie verschwand um die Ecke.

Fortsetzung folgt 🙂