Archiv für den Monat April 2015

Der Mann reitet Seitengänge (und weiß gar nicht, was daran so besonders sein soll)

Neulich hat die Frau den Mann gefragt, was er denn jetzt im Reitunterricht so alles macht.
Och, sagt der, Trab und Galopp und so. Und Rongwehr.
Rongwas?, fragt die Frau.
Rongwehr. So seitwärts halt.
Ach, so seitwärts. Renvers. Ah ja. Soso.

Die Frau ist grün vor Neid. Ihr war bereits zu Ohren gekommen, dass der Mann sehr schön reitet und „man da mittlerweile gut hingucken kann“. Das war ja schon schlimm genug für sie, wo sie doch von Piaffe und Passage träumt und neuerdings Garrocha. Immerhin versucht sie das mit dem Reiten schon sehr lange und hat auch furchtbar viele Bücher darüber gelesen. Und da kommt doch dieser Mann daher und reitet irgendwelche komplizierten Lektionen, die ihm anscheinend gut gelingen und ist noch dazu locker und entspannt dabei.

Die Frau versucht natürlich, sich das nicht anmerken zu lassen und heuchelt Begeisterung. Der Mann, verwundert: Wieso? Ist das irgendwas Besonderes?

Die Frau springt fast aus dem Hemd, bleibt aber tapfer und faselt etwas von anspruchsvollen Lektionen für Fortgeschrittene. Den Mann langweilt dass Gesprächsthema ein bisschen, weil er ja im Grunde seines Herzens nur ausreiten will. Den Reitunterricht hatte ihm die Frau aufgenötigt, die in dem Zusammenhang von Gesunderhaltung und Gymnastizierung sprach. Das hört sich ja auch vernünftig an, oder? Die Frau hatte aber leider vergessen, ihren eigenen diesbezüglichen Geltungsdrang zu erwähnen, den sie regelmäßig auf mir und neuerdings auch auf dem Lutschi auslebt. Sie nimmt das Reiten sehr persönlich, und wenn Frau Reitlehrerin – wie das so ihre Art und eigentlich auch ihr Job ist – mit Kritik nicht spart, ist sie entweder grantig oder am Boden zerstört, je nach Wetterlage. Statt dass sie mal innerlich ein bisschen lockerlässt, so wie der Lutschi und ich und auch der Mann, ist sie krank vor Ehrgeiz und eben auch grün vor Neid, weil der Mann mal eben das reitet, wofür sie Jahrzehnte Jahre gebraucht hat.

Ja, und dann war da noch Schulterherein und Trawehr, fällt dem Mann ein, der zwischendurch an Fußball gedacht hat, während die Frau so komisch guckte. Er mag dieses Fußball ganz gern, hat er mir mal erzählt. Klare Ergebnisse und kein Schnickschnack. Faxe meint, mit „Schnickschnack“ würde der Mann gruppendynamisch-künstlerische Prozesse meinen, die die Frau für einen wichtigen Bestandteil ihrer Reiterei hält. Mit anderen Worten: Rumstehen und lästern und Firlefanz mit Pferdchen drauf für Zuhause kaufen. Woran ja erstmal nichts Schlechtes ist, weil sie mir in der Zeit keine rosa oder pinken Flauschi-Halfter oder Schabracken kaufen kann 😉
Schulterherein auch? Und Travers? Das ist doch total schwierig, rutscht der Frau raus.
Eigentlich nicht. Man muss halt nur das machen, was Frau Reitlehrerin sagt, erwidert der Mann, was ich sehr mutig finde.
Die Frau guckt inzwischen ziemlich humorlos.
Frau Reitlehrerin hat auch von Piaffe gesprochen, behauptet der Mann, nur, um mal zu sehen, was als nächstes passiert.

Und jetzt weiß ich nicht, ob die Frau nochmal wiederkommt oder ob der Lutschi und ich jetzt Waisenpferde sind. Gerade eben jagt sie den Mann zum dritten Mal mit der Mistgabel um den Reitplatz.

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Die große, weite Welt

Unser spanisches Mähnenwunder behauptet, es wäre ein Reitpferd. Im Gelände wäre es auch schon gewesen, jawohl. Und zwar mit der Frau. Mit unserer gemeinsamen, überängstlichen Besitzerin? Glaub ich nicht. Doch, sagt Faxe, er wäre auch dabei gewesen.

Ich erinnere mich. Das war der entsetzlich langweilige Nachmittag, den ich allein mit dem langweiligen Bonito auf dem langweiligen Paddock verbracht habe. Weil nämlich der Mann länger arbeiten musste und nicht mit mir ins Gelände gehen konnte. Mit dem Mann macht ausreiten nämlich noch mehr Spaß als mit der Frau. Die Frau gruselt sich ja immer so und ich muss sie dann beschützen. Vor Menschen, Tieren, Autos, Fahrrädern, tückischen Büschen – ihr wisst, was ich meine. Das ist aufregend und manchmal auch anstrengend. Dem Mann ist sowas egal. Der sitzt auf mir rum, ist tiefenentspannt und muss nicht mal vor Lkws gerettet werden. Er stirbt auch nicht vor Angst, wenn ich mal eine flottere Gangart wähle. Wenn also einer prädestiniert ist, dem Lutschi zu erklären, wie das in der großen, weiten Welt funktioniert, dann bin das ja wohl ich. Mit anderen Worten: Ich werde diskriminiert. Alle haben Spaß außer mir. Und natürlich Bonito, an dem ich meine schlechte Laune ausgelassen habe.

So lustig wäre das gar nicht gewesen, meint Faxe. Er hätte nämlich Frau Reitlehrerin tragen müssen, während der Lutschi die angstschlotternde Frau auf dem Rücken hatte. Mit Frau Reitlehrerin wäre das ein völlig anderes Reitgefühl gewesen. Er wollte nicht ins Detail gehen, erwähnte aber, er habe nicht mehr beim Gehen essen dürfen. Das ist für einen vollschlanken Tinker natürlich ein traumatisches Erlebnis.

Von wegen Gras To Go. Nur noch gehen. Nicht lustig 😦

Lustig wäre aber gewesen, wie sich die Frau mit grünlicher Gesichtsfarbe auf Lutschis Rücken begeben habe. Nun ist der Lutschi aber so ein Unschuldslamm, dass er das nicht ausgenutzt hat, sondern brav mit ihr durch diverse Bauernhöfe durch und sogar an Nordic Walkern vorbeimarschiert ist, ohne sich zu mucksen. Frau Reitlehrerin hat die ganze Zeit beruhigend auf die Frau eingeredet, und die hat sich aus Versehen sogar entspannt. Faxe meint, die beiden hätten gelacht. Sicherlich über den Lutschi, der gar nicht richtig bergauf und bergab laufen kann, weil er noch so unbalanciert ist.

Angeblich hat der feurige Spanier sogar Fahrräder und Autos mit gleichbleibend guter Laune hingenommen. Sicher waren es auch nur ganz kleine Autos und sehr langsame Fahrräder. Für Anfänger halt 😉

Der Lutschi meint, er hätte vor gar nix Angst gehabt, weil er nämlich ne coole Socke wäre und im Gelände sowieso nur langweilige Dinge passieren würden. Nur komisch, dass die furchtlose coole Socke zuhause immer ganz hektisch wird, sobald der Frontlader vorbeifährt. Ich wette, der Lutschi konnte in Wirklichkeit beim Ausritt nicht um Faxes dicken Hintern herumgucken und weiß gar nicht, wo er war und was da so alles passiert ist 😉

Lutschi an der Longe (mal wieder)

Unser spanischer Neuzugang Lucero alias Lutschi hat sich schon ganz gut eingelebt. Das Mähnenwunder kann ganz schnell weglaufen, wenn Faxe, Bonito und ich es ärgern. Außerdem ist es wunderbar wendig, weshalb das Nachlaufen nicht so schnell langweilig wird. Was wir tun, ist aber nicht nur gemein, sondern hilft der Frau auch im Umgang. Wenn nämlich wir ihn nicht erziehen würden, müsste sie das selbst machen, und da kann man sich ja leicht vorstellen, dass da nix Vernünftiges bei rauskommt.

Lutschi hat uns erzählt, dass die Frau weiterhin versucht, ihn zu longieren. Anscheinend gibt sie die Hoffnung nicht auf, dass er entweder sehr schnell ihre Sprache lernt oder sie Körpersprache. Eher lernt der Lutschi chinesisch als sie Körpersprache, aber das ist ja nur meine Meinung. Sie schafft es ja noch nicht mal, sich die drei Kommandos zu merken, die der Lutschi kennt.

Der Lutschi meint, Longieren wäre voll anstrengend, weil er immer sehr schnell vor der Frau weglaufen müsste. Die würde immer total aggressiv die Arme bewegen oder mit der Longe herumfuchteln, so dass er mehrfach auf extrem schweißtreibende Art durchgestartet wäre. Da sie ihn leider dabei am Kopf festhalten würde, wäre das sehr unangenehm, was er erst Recht zum Davonlaufen fände. Er nimmt die Frau also allem Anschein nach Ernst. Ich glaube, der Lutschi muss noch viel lernen 😉

Nun ist er ja nicht sehr helle, aber die Frau bekanntlich noch viel weniger. Deshalb haben wir gemeinsam überlegt, was sich da wohl in Wirklichkeit abgespielt haben könnte. Natürlich ist mir als erstem eingefallen, was das zu bedeuten hat – ich bin halt der Schlaueste auf dem Paddock und anderswo.

Ich kenne ja die legendäre Ungeschicklichkeit der Frau und habe durch geschickte Fragetechnik herausgefunden, dass sich die Frau allem Anschein nach wiederholt in der Longe verheddert und versucht hat, das Chaos mit ausladenden Armbewegungen zu entwirren. Sie hat nämlich die einzigartige Fähigkeit, alles, was ihr in die Finger fällt, im selben Moment in ein Knotenknäuel zu verwandeln. Schubkarre fahren liegt ihr eindeutig mehr als Longieren, das ist nämlich ein Sport für Grobmotoriker. Und wenn sie dann gleichzeitig noch atmen und die Schulter, die zum Pferdekopf zeigt, nach hinten nehmen soll und die andere nach vorn (wegen der Körpersprache), ist sie verloren. Von wegen multitaskingfähig. Ich konnte schon mehrfach beobachten, wie sie in eine Schlaufe ihrer ungeordneten Longe getreten ist und auf mich zugestolpert kam, so dass ich mit einem schnellen Schritt nach außen ausweichen musste. Ich bin ja schließlich ein sensibles Fluchttier und will nicht mit fliegenden Elefanten kollidieren 😉 Der Lutschi sagte, sowas hätte sie bei ihm auch gemacht und er wäre sehr beeindruckt gewesen, als sie mit großer Geschwindigkeit auf ihn zugeschossen sei.

Ich habe ihm dann mal erklärt, wie man sich bei sowas verhält. Zunächst einmal gilt unabdingbar der Grundsatz „Ruhe bewahren“. Die Frau kennt nämlich an der Longe nicht wirklich viele Möglichkeiten der Kommunikation. Eigentlich läuft bei ihr alles auf zwei Kommandos hinaus: Schneller oder langsamer. Darauf kann man eingehen, man muss es aber nicht 😉 Sie kann das nämlich auf die Schnelle gar nicht wechseln, wenn man Blödsinn macht oder sich einfach taub stellt, weil sie ja so mit dem Longenknäuel in ihrer Hand beschäftigt ist. Sie guckt einen dann mit einem Auge kritisch an, was den Lutschi anscheinend total beeindruckt hat, mit dem anderen Auge schielt sie aber auf die verfitzelte Longe in ihrer verkrampften kleinen Hand. Wenn man jetzt ein bisschen vom Kurs abweicht (nur mal so als Idee), kriegt sie das normalerweise gar nicht mit. Und ruck-zuck ist man auf dem Hufschlag und kann da rumquengeln. Was die Frau im Übrigen meist noch nicht einmal bemerkt. Faxe hat es sogar schon mal geschafft, sich an der Longe zu wälzen. Die Frau hat währenddessen laut überlegt, welche ihrer Schultern denn jetzt wohin zeigen müssen. Wir haben sehr gelacht.

Ansonsten behauptet der Lutschi, er wäre auch schon im Gelände gewesen. Mit der Frau. Wie so’n richtiges Reitpferd. Aber davon will er erst in ein paar Tagen erzählen. Wahrscheinlich hat er wieder nicht verstanden, was so um ihn rum passiert und will in der Zwischenzeit darüber nachdenken 😉

Lesetipp: Wie Pferde Menschen longieren, erklärt Herr Pony in der Ponyschule.

Wie Menschen Pferde richtig longieren, steht dagegen bei Christina von Herzenspferd.

Kommissar Pfridolin bleibt am Ball (Teil 6)

Was bisher geschah:
Faxe und ich stellen fest, dass der Springreiter Ralph Reissmann kopfüber im Misthaufen steckt.
Ich mache ein wohlverdientes Nickerchen in der Box und werde unsanft geweckt, weil die Frau ausreiten will. Kiki, die Reitlehrerin, sucht Ralph, weil sie mit ihm verabredet ist. Faxes Besitzerin und die Frau können ihr da nicht helfen.
Während Kiki unterwegs ist, werden wichtige Gespräche geführt: über Ralph und darüber, wie er seine Pferde behandelt (nämlich schlecht) und über Kiki und ihre toll ausgebildeten Schulpferde (den Gesprächsteil fand ich langweilig). Ich bin übrigens nicht so ein spießiger Streber – das liegt aber aber auch daran, dass ich meine Erziehung der Frau verdanke 😉
Dann machen Faxe und ich einen Ausritt, bei dem wir feststellen, dass Melanie in den neuen Einstaller verliebt ist und Faxe deshalb abnehmen muss. Bei der Rückkehr in den Stall werden wir von der Polizei angehalten.

„Sie können hier nicht durch“, sagte ein Polizist, der uns zu Fuß entgegen kam.
„Müssen wir aber. Unsere Pferde stehen hier. Was ist hier überhaupt los?“, fragte die Frau.
„Wir ermitteln in einem Mordfall. Und was Sie müssen oder nicht, sage ich Ihnen schon.“ Was für ein unsympathischer Kerl. Klein, garstig und mit zu hohem Blutdruck. Er wechselte gerade die Gesichtsfarbe von hellrot zu tiefdunkelrot.
„Guten Tag erst mal. Wir müssten aber bitte wirklich hier durch. Die Pferde wohnen hier. Wenn Sie uns nicht glauben, können Sie jeden fragen, der da vorn steht“, versuchte es Melanie.
Ein zweiter Polizist kam dazu. Er sah ganz freundlich aus und machte einen vernünftigen Eindruck.
„Guten Tag!“, lächelte er Melanie und Dana an. „Ich sehe schon, sie müssen hier durch. Die Pferde wollen nach Hause, das sieht sogar ein Blinder“ – kleiner Seitenhieb zu dem Giftzwerg, der böse guckte, sich aber nicht zu widersprechen traute. Das lag wahrscheinlich daran, dass der nette Polizist ranghöher als der Giftzwerg war – wie bei uns in der Wallachherde halt. Wir Pferde kennen uns mit sowas aus.
„Gehen Sie bitte in einem ganz großen Bogen um die Absperrung herum. Wir werden Sie später auch noch befragen.“
Faxe und ich wurden langsam zappelig und waren froh, als es endlich weiterging. Soviel Aufregung ist gar nicht gut für unsereinen. Außerdem hatten wir mächtig Hunger. Unsere Reite-rinnen ritten wie befohlen in einem großen Bogen um die Absperrung herum, was wir recht zügig hinter uns brachten. Quasi im starken Schritt steuerten wir auf unsere Stallgasse zu. Erst mal was essen, der Rest würde sich dann finden, da waren Faxe und ich uns einig. Dann würden wir herausfinden, weshalb die Menschen so aufgeregt waren.
Dana und Melanie waren anscheinend neugieriger als wir. Vielleicht hatten sie aber auch nur mehr Hunger. Bei Menschen weiß man das nie. So schwer wie sich die Frau in letzter Zeit anfühlte, hatte sie bestimmt immer doppelt Heu gegessen. Sie sollte es mal mit einem Heunetz versuchen. Dann wüsste sie, wieviel Spaß es macht, mit seinem Essen zu kämpfen. Heunetze wehren sich nämlich. So schnell wie heute hatten uns die beiden nämlich noch nie abgesattelt und gefüttert. Formalitäten wie Beine abspritzen und Box ausmisten fiel anscheinend auch aus. Wenigstens die Hufe haben sie kontrolliert, ob da auch keine Steine drinhingen. Und dann waren sie weg. In die Futterkammer? Zum Misthaufen? Wer weiß das schon.
„Weißt du, Pfridolin“, mümmelte Faxe über ein paar Halme Heu hinweg, „ein Gutes hat das Ganze ja: Hier ist wenigstens Ruhe.“
Wahre Worte. Faxe hat bisweilen eine philosophische Ader und eine große innere Ruhe. Ich habe allerdings auch schon mitbekommen, dass andere das für raffiniert getarnte Faulheit halten. Ich ging hinaus auf meinen Paddock, um über den Nachmittag nachzudenken. Mein anderer Boxennachbar, Companero, der Spanier, stand auch draußen und guckte sich die Landschaft an.
Währenddessen war Dana, Melanie im Schlepptau, zum Misthaufen gelaufen.
„Hallo Marie, was ist denn bloß los? Wer ist tot?“
Marie stand am weitesten vom Misthaufen entfernt, hatte somit die schlechteste Sicht, war aber gleichzeitig am leichtesten zu erreichen.
„Ich glaube, es ist Ralph. Plötzlich war die Polizei da und ein Krankenwagen auch. Wir durften hier nicht mehr entlang gehen und uns hat keiner was gesagt. Ich habe gehört, im Mist-haufen wäre eine Leiche gewesen, angeblich Ralph, und Kiki hätte ihn gefunden. Sie ist im Haus und der Notarzt ist mit reingegangen. Vielleicht gibt er ihr ein Beruhigungsmittel.“
Marie, Companeros und Blackys Besitzerin, war sehr nett und eine gute Freundin von Dana und mir.
„Ich kann’s noch gar nicht richtig glauben. Das kommt mir alles so unwirklich vor! Und Blacky ist auch verschwunden und ich kann ihn einfach nicht finden!“
„Nee, ne?“ sagte Dana und als nächstes „Na, na.“ Und dann nochmal: “Na, na, er wird schon wieder auftauchen. Er haut doch dauernd ab und ist abends wieder da, der Blacky.“
Marie schniefte: „Schon gut, das sind nur die Nerven.“
Dana hatte mittlerweile auch realisiert, was los war und war entsprechend angeschlagen, obwohl sie das natürlich niemals zugegeben hätte. Sie konnte es nicht glauben, dass jemand – wahrscheinlich Ralph – hier im Reitstall, in ihrer kleinen heilen Welt, ermordet wurde.
„Können wir vielleicht nochmal von vorn anfangen? Ralph wurde ermordet? Er ist richtig tot? Von einem richtigen Mörder ermordet? Hier, in unserem Stall?“
Marie kam nicht dazu, zu antworten, denn Melanie echote: „Ralp ist tot? Ich mochte ihn ja wirklich nicht, aber das ist jetzt doch ein Schock. Hatte er eigentlich Familie?“
Das war eine gute Frage, die die drei zumindestens zeitweise auf andere Gedanken brachte, aber beantworten konnten sie sie nicht.
„Weiß man, wie es passiert ist? Ermordet. Ermordet! Du meine Güte, das muss man sich mal vorstellen! Hier gibt’s einen Mörder!“ Dana war fassungslos. Sie las einfach zu viele Krimis und konnte sich spontan mindestens 25 Möglichkeiten vorstellen, wie Ralph zu Tode gekommen sein könnte.
Melanie kommentierte trocken „Da soll noch mal einer sagen, das Leben wäre kein Ponyhof. Wir haben jetzt auch mal Kontakt zur realen Welt. Am besten warten wir erst mal ab, bis uns die Polizei sagt, was los ist. Dann kannst du dich immer noch aufregen!“ und knuffte Dana spielerisch in die Seite. Das war taktisch ungeschickt, die lief nämlich allmählich zur Höchstform auf.
„Ja aber. Das kann doch nicht wahr sein! Jemand, den wir kennen, ist tot! Und es war Mord! Und wir stehen hier nur dumm rum! Wir müssen doch was tun können außer warten und seinen Namen falsch aussprechen!“
„Sieht nicht so aus“, bemerkte Melanie nüchtern. „Ich habe ihn immer Ralp genannt und werde das jetzt nicht ändern, bloß, weil er tot ist.“
„Wie furchtbar! Hier läuft ein Mörder frei rum! Wer weiß, was noch alles passiert! Habt ihr gar keine Angst?“ regte sich Dana weiter auf.
„Nö. Weil: dafür ist die Polizei da. Die wird schon wissen, was sie tut. Und mal ganz ehrlich: Ich glaube, niemand wird Ralp eine Träne hinterherweinen. Wenn er es tatsächlich ist.“
„Ja schon“, lenkte Dana ein und Marie ergänzte: „Vielleicht war es ja auch ein Unfall.“
„Ausgeschlossen! Der fiese kleine Polizist von vorhin hat ja ausdrücklich von einem Mord gesprochen. Das hast du doch auch gehört, Melanie!“
„Jetzt beruhigt euch doch mal, Mädels! Keiner weiß was genaues, also muss sich auch niemand aufregen.“ Der Neue war plötzlich aufgetaucht und stand genau hinter Dana, so dass sie sich umdrehen musste, um ihn böse anzufunkeln.
„Ah ja. Aber du weißt hier Bescheid, oder wie? Und wo wir grade beim Thema sind: Könntest du uns eventuell mal die Tageszeit sagen und uns erklären, wieso du hier mit einem Mal der coole Frauenversteher bist?“, fauchte Dana. Um nach einer kurzen Pause hinzuzufügen: „Und außerdem WILL ich mich aufregen!“

Fortsetzung folgt…

… dann klappt’s auch mit der Parade

Die Frau hat mal wieder versucht, mich zu reiten. Im Unterricht. Es fing schon gut an, als sie die Zügel aufnahm und direkt lostraben wollte. Wenigstens hatte sie mich vorher im Schritt warmgeführt – Anordnung von Frau Reitlehrerin, damit sie ein kleines bisschen lockerer wird 😉 Dann schleift sie mich zur Aufsteighilfe, hievt sich ungelenk auf meinen Rücken und nimmt die Zügel auf, um direkt loszulegen. Aber nicht mit Frau Reitlehrerin. Die hat sich nämlich in den Kopf gesetzt, die Frau insgesamt mehr aus dem Sitz heraus reiten zu lassen. Mehr Sitz, weniger Hand!

An und für sich ein guter Plan, aber leider zum Scheitern verurteilt, weil nämlich die Frau daran beteiligt ist. Die ist zwar hochmotiviert und stets bemüht, aber doch eher Handwerker als Sitzkünstler. Aber Frau Reitlehrerin plant langfristig, und wer weiß, ob die Frau es nicht doch noch lernt.

Jedenfalls soll sie die Zügel gleich mal wieder loslassen und fleißigen Schritt reiten. Und mich dann ohne Zügel zum Halten durchparieren. Bei C. OK, dann halt an der nächsten langen Seite. Auch nicht? An der nächsten kurzen Seite vielleicht? Die Frau lässt sich ganz komisch in den Sattel plumpsen, gibt alle Stimmkommandos, die sie kennt und streckt schließlich die Beine nach vorne weg, als würde sie ne Harley fahren. Das irritiert mich dann doch soweit, dass ich stehenbleibe und mich fragend nach Frau Reitlehrerin umschaue. Die urteilt, ich hätte alles richtig gemacht. Bei einer so diffusen Hilfengebung könne man nichts anderes erwarten.

Die Frau runzelt die Stirn und ist beleidigt, weil Frau Reitlehrerin ihr verbietet, mit den Zügeln nachzuhelfen. Außerdem ist es ihr peinlich, dass Frau Reitlehrerin immer auf den Basics rumreitet – wie zum Beispiel einem korrekten, zügelunabhängigen Sitz – und die Frau dann immer wie ein Vollhorst dasteht, weil sitztechnisch mit ihr nicht viel los ist. Überhaupt hätte man ihr diese Details früher nie richtig beigebracht, beschwert sie sich, als ihr Frau Reitlehrerin nochmal die Hilfengebung erklärt: Nach oben und unten wachsen und dabei einatmen, etwas schwerer einsitzen, dabei das Becken abkippen und ausatmen. Und – ganz wichtig – im Übergang auch hinten sitzen bleiben. Die Frau nickt ganz wichtig. Das wäre ja logisch. Auch das mit dem hinten sitzen bleiben. Das wäre ja klar, dass man hinten sitzen bleiben müsste. Ansonsten würde man ja im Moment des Übergangs nach vorn fallen und die Vorhand zusätzlich belasten. Total kontraproduktiv wäre das, weil der Pfridolin doch vermehrt hinten Last aufnehmen soll. Tse. Nach vorn fallen, wer tut denn sowas. Ich kenn da jemanden, aber ich werde hier ja für gewöhnlich unterdrückt.

Nachdem auf diese Art ein Konsens über das weitere Vorgehen gefunden wird, soll die Frau erneut anreiten und gleich wieder durchparieren. Schon besser, aber sie streckt die Beinchen schon wieder so lustig nach vorn. Frau Reitlehrerin schlägt vor, die Beine doch einfach unten zu lassen. Da wären sie ja eigentlich schon, wegen dem „nach oben und unten wachsen“. Ach so. Und das Atmen nicht vergessen. Huch. Die Frau fühlt sich ertappt und schnauft hastig.

Nochmal im Schritt angehen und an der nächsten langen Seite durchparieren, fordert Frau Reitlehrerin. Dieses Mal streckt die Frau die Beine nicht nach vorn, sondern nach hinten. Leider hat das zur Folge, dass ihr Oberkörper nach vorn sackt – das hat wohl was mit dem Gleichgewicht zu tun. Von daher mache ich auch keine Parade mit untergesetzter Hinterhand, sondern stoppe mit den Vorderbeinen, was laut Frau Reitlehrerin ungesund ist. Die Frau meint, vielleicht wäre das mit den Beinen nach vorn doch keine so schlechte Idee. Dabei würde wenigstens meine Vorhand nicht überlastet 😉 Frau Reitlehrerin erklärt, ich wäre erstens keine Harley und zweitens würde sie dadurch soviel Druck in meinen Rücken bringen, dass ich den nicht mehr aufwölben könnte. Die Frau erinnert sich: Rücken aufwölben ist das A und O der Reiterei. Mit anderen Worten: Doofe Idee.

Nach einigen weiteren Versuchen klappt es aber schon ganz ordentlich und ich werde jedes Mal doll gelobt. Frau Reitlehrerin wird übermütig und schlägt vor, jetzt Trab-Schritt-Übergänge dazu zu nehmen. Am durchhängenden Zügel, versteht sich. Und ohne heimlich den Zügel nachzufassen! Woher weiß sie das nur immer? Die Frau hatte tatsächlich gerade darüber nachgedacht, unauffällig die Zügel aufzunehmen. Nur ein ganz klein bißchen, mault sie leise, aber so, dass Frau Reitlehrerin sie nicht hört. Menno. Nix dürfte man hier.

Ich trabe also an und harre der Dinge, die da kommen. Zack, blockiert mich die Frau mit ihrem Becken, so dass ich für einen Moment stehenbleibe. Im Prinzip ganz gut, urteilt Frau Reitlehrerin, aber sie müsste mit ihrem Becken locker die Schrittbewegung vorgeben. Dann würde der gute, brave Pfridolin auch nicht stocken und das ergäbe einen flüssigen Übergang. Die Frau staunt. War das ein kleines Lob? Ui. Sie probiert weiter herum und wird mit dem Becken immer lockerer. Wer hätte das gedacht – wo sie sonst so ein Steifftier ist 🙂

Nach einem richtig guten Übergang ist die Stunde beendet und wir werden beide gelobt. Ich schon allein deshalb, weil ich toll bin. Das ist nur angemessen. Außerdem mach ich hier schließlich auch die ganze Arbeit.

Die Frau hat nur auf mir rumgesessen und ein bisschen mit dem Hintern gewackelt. Merkwürdigerweise wird sie dafür auch gelobt. Irgendwie ungerecht, aber Frau Reitlehrerin belohnt schließlich auch die kleinsten positiven Ansätze. Wenigstens hat die Frau mich heute nicht im Maul gestört, das ist ja immerhin auch schon was!

Übrigens fühlen sich die Muskeln in meiner Hinterhand komisch an. Ich glaube, die haben gearbeitet. Sonst versuche ja immer, das zu vermeiden, aber im Moment passt es mir ganz gut – schließlich steht die Weidesaison bevor und ich will fit für die Mädels sein, wenn es endlich soweit ist. Während Faxe gleichbleibend tinkerhaft flauschig und süß aussieht, habe ich dann einen muskulösen, männlichen Body. Sie werden es lieben 😉