Kommissar Pfridolin bleibt am Ball (Teil 6)

Was bisher geschah:
Faxe und ich stellen fest, dass der Springreiter Ralph Reissmann kopfüber im Misthaufen steckt.
Ich mache ein wohlverdientes Nickerchen in der Box und werde unsanft geweckt, weil die Frau ausreiten will. Kiki, die Reitlehrerin, sucht Ralph, weil sie mit ihm verabredet ist. Faxes Besitzerin und die Frau können ihr da nicht helfen.
Während Kiki unterwegs ist, werden wichtige Gespräche geführt: über Ralph und darüber, wie er seine Pferde behandelt (nämlich schlecht) und über Kiki und ihre toll ausgebildeten Schulpferde (den Gesprächsteil fand ich langweilig). Ich bin übrigens nicht so ein spießiger Streber – das liegt aber aber auch daran, dass ich meine Erziehung der Frau verdanke 😉
Dann machen Faxe und ich einen Ausritt, bei dem wir feststellen, dass Melanie in den neuen Einstaller verliebt ist und Faxe deshalb abnehmen muss. Bei der Rückkehr in den Stall werden wir von der Polizei angehalten.

„Sie können hier nicht durch“, sagte ein Polizist, der uns zu Fuß entgegen kam.
„Müssen wir aber. Unsere Pferde stehen hier. Was ist hier überhaupt los?“, fragte die Frau.
„Wir ermitteln in einem Mordfall. Und was Sie müssen oder nicht, sage ich Ihnen schon.“ Was für ein unsympathischer Kerl. Klein, garstig und mit zu hohem Blutdruck. Er wechselte gerade die Gesichtsfarbe von hellrot zu tiefdunkelrot.
„Guten Tag erst mal. Wir müssten aber bitte wirklich hier durch. Die Pferde wohnen hier. Wenn Sie uns nicht glauben, können Sie jeden fragen, der da vorn steht“, versuchte es Melanie.
Ein zweiter Polizist kam dazu. Er sah ganz freundlich aus und machte einen vernünftigen Eindruck.
„Guten Tag!“, lächelte er Melanie und Dana an. „Ich sehe schon, sie müssen hier durch. Die Pferde wollen nach Hause, das sieht sogar ein Blinder“ – kleiner Seitenhieb zu dem Giftzwerg, der böse guckte, sich aber nicht zu widersprechen traute. Das lag wahrscheinlich daran, dass der nette Polizist ranghöher als der Giftzwerg war – wie bei uns in der Wallachherde halt. Wir Pferde kennen uns mit sowas aus.
„Gehen Sie bitte in einem ganz großen Bogen um die Absperrung herum. Wir werden Sie später auch noch befragen.“
Faxe und ich wurden langsam zappelig und waren froh, als es endlich weiterging. Soviel Aufregung ist gar nicht gut für unsereinen. Außerdem hatten wir mächtig Hunger. Unsere Reite-rinnen ritten wie befohlen in einem großen Bogen um die Absperrung herum, was wir recht zügig hinter uns brachten. Quasi im starken Schritt steuerten wir auf unsere Stallgasse zu. Erst mal was essen, der Rest würde sich dann finden, da waren Faxe und ich uns einig. Dann würden wir herausfinden, weshalb die Menschen so aufgeregt waren.
Dana und Melanie waren anscheinend neugieriger als wir. Vielleicht hatten sie aber auch nur mehr Hunger. Bei Menschen weiß man das nie. So schwer wie sich die Frau in letzter Zeit anfühlte, hatte sie bestimmt immer doppelt Heu gegessen. Sie sollte es mal mit einem Heunetz versuchen. Dann wüsste sie, wieviel Spaß es macht, mit seinem Essen zu kämpfen. Heunetze wehren sich nämlich. So schnell wie heute hatten uns die beiden nämlich noch nie abgesattelt und gefüttert. Formalitäten wie Beine abspritzen und Box ausmisten fiel anscheinend auch aus. Wenigstens die Hufe haben sie kontrolliert, ob da auch keine Steine drinhingen. Und dann waren sie weg. In die Futterkammer? Zum Misthaufen? Wer weiß das schon.
„Weißt du, Pfridolin“, mümmelte Faxe über ein paar Halme Heu hinweg, „ein Gutes hat das Ganze ja: Hier ist wenigstens Ruhe.“
Wahre Worte. Faxe hat bisweilen eine philosophische Ader und eine große innere Ruhe. Ich habe allerdings auch schon mitbekommen, dass andere das für raffiniert getarnte Faulheit halten. Ich ging hinaus auf meinen Paddock, um über den Nachmittag nachzudenken. Mein anderer Boxennachbar, Companero, der Spanier, stand auch draußen und guckte sich die Landschaft an.
Währenddessen war Dana, Melanie im Schlepptau, zum Misthaufen gelaufen.
„Hallo Marie, was ist denn bloß los? Wer ist tot?“
Marie stand am weitesten vom Misthaufen entfernt, hatte somit die schlechteste Sicht, war aber gleichzeitig am leichtesten zu erreichen.
„Ich glaube, es ist Ralph. Plötzlich war die Polizei da und ein Krankenwagen auch. Wir durften hier nicht mehr entlang gehen und uns hat keiner was gesagt. Ich habe gehört, im Mist-haufen wäre eine Leiche gewesen, angeblich Ralph, und Kiki hätte ihn gefunden. Sie ist im Haus und der Notarzt ist mit reingegangen. Vielleicht gibt er ihr ein Beruhigungsmittel.“
Marie, Companeros und Blackys Besitzerin, war sehr nett und eine gute Freundin von Dana und mir.
„Ich kann’s noch gar nicht richtig glauben. Das kommt mir alles so unwirklich vor! Und Blacky ist auch verschwunden und ich kann ihn einfach nicht finden!“
„Nee, ne?“ sagte Dana und als nächstes „Na, na.“ Und dann nochmal: “Na, na, er wird schon wieder auftauchen. Er haut doch dauernd ab und ist abends wieder da, der Blacky.“
Marie schniefte: „Schon gut, das sind nur die Nerven.“
Dana hatte mittlerweile auch realisiert, was los war und war entsprechend angeschlagen, obwohl sie das natürlich niemals zugegeben hätte. Sie konnte es nicht glauben, dass jemand – wahrscheinlich Ralph – hier im Reitstall, in ihrer kleinen heilen Welt, ermordet wurde.
„Können wir vielleicht nochmal von vorn anfangen? Ralph wurde ermordet? Er ist richtig tot? Von einem richtigen Mörder ermordet? Hier, in unserem Stall?“
Marie kam nicht dazu, zu antworten, denn Melanie echote: „Ralp ist tot? Ich mochte ihn ja wirklich nicht, aber das ist jetzt doch ein Schock. Hatte er eigentlich Familie?“
Das war eine gute Frage, die die drei zumindestens zeitweise auf andere Gedanken brachte, aber beantworten konnten sie sie nicht.
„Weiß man, wie es passiert ist? Ermordet. Ermordet! Du meine Güte, das muss man sich mal vorstellen! Hier gibt’s einen Mörder!“ Dana war fassungslos. Sie las einfach zu viele Krimis und konnte sich spontan mindestens 25 Möglichkeiten vorstellen, wie Ralph zu Tode gekommen sein könnte.
Melanie kommentierte trocken „Da soll noch mal einer sagen, das Leben wäre kein Ponyhof. Wir haben jetzt auch mal Kontakt zur realen Welt. Am besten warten wir erst mal ab, bis uns die Polizei sagt, was los ist. Dann kannst du dich immer noch aufregen!“ und knuffte Dana spielerisch in die Seite. Das war taktisch ungeschickt, die lief nämlich allmählich zur Höchstform auf.
„Ja aber. Das kann doch nicht wahr sein! Jemand, den wir kennen, ist tot! Und es war Mord! Und wir stehen hier nur dumm rum! Wir müssen doch was tun können außer warten und seinen Namen falsch aussprechen!“
„Sieht nicht so aus“, bemerkte Melanie nüchtern. „Ich habe ihn immer Ralp genannt und werde das jetzt nicht ändern, bloß, weil er tot ist.“
„Wie furchtbar! Hier läuft ein Mörder frei rum! Wer weiß, was noch alles passiert! Habt ihr gar keine Angst?“ regte sich Dana weiter auf.
„Nö. Weil: dafür ist die Polizei da. Die wird schon wissen, was sie tut. Und mal ganz ehrlich: Ich glaube, niemand wird Ralp eine Träne hinterherweinen. Wenn er es tatsächlich ist.“
„Ja schon“, lenkte Dana ein und Marie ergänzte: „Vielleicht war es ja auch ein Unfall.“
„Ausgeschlossen! Der fiese kleine Polizist von vorhin hat ja ausdrücklich von einem Mord gesprochen. Das hast du doch auch gehört, Melanie!“
„Jetzt beruhigt euch doch mal, Mädels! Keiner weiß was genaues, also muss sich auch niemand aufregen.“ Der Neue war plötzlich aufgetaucht und stand genau hinter Dana, so dass sie sich umdrehen musste, um ihn böse anzufunkeln.
„Ah ja. Aber du weißt hier Bescheid, oder wie? Und wo wir grade beim Thema sind: Könntest du uns eventuell mal die Tageszeit sagen und uns erklären, wieso du hier mit einem Mal der coole Frauenversteher bist?“, fauchte Dana. Um nach einer kurzen Pause hinzuzufügen: „Und außerdem WILL ich mich aufregen!“

Fortsetzung folgt…

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3 Gedanken zu „Kommissar Pfridolin bleibt am Ball (Teil 6)

  1. Edith und die Fellnasen

    Wuffi Kommissar Fridolin,
    Du hast ja fleißig in die Tasten gehauen. Wir hoffen, Du machst schnell so weiter. Du weißt ja, dass es mit unserer Geduld nicht doll bestellt ist.
    Also tippe bitte, was die Hufe hergeben. Lass uns nicht lange warten
    Deine Hundeleser Nera und Lila mit Frauchen Edith

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. pfridolinpferd Autor

      Ihr Lieben,

      ich trappele so schnell über die Tasten, wie es sich mit meiner Tätigkeit als Freizeitpferd vereinbaren lässt. Wusstet ihr schon, dass man ganz schön viele Buchstaben braucht, um so ein Buch vollzukriegen? Ich nicht. Bin ein wenig entsetzt.

      Liebe Grüße
      Euer Pfridolin

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      Antwort

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