Der Mann reitet Seitengänge (und weiß gar nicht, was daran so besonders sein soll)

Neulich hat die Frau den Mann gefragt, was er denn jetzt im Reitunterricht so alles macht.
Och, sagt der, Trab und Galopp und so. Und Rongwehr.
Rongwas?, fragt die Frau.
Rongwehr. So seitwärts halt.
Ach, so seitwärts. Renvers. Ah ja. Soso.

Die Frau ist grün vor Neid. Ihr war bereits zu Ohren gekommen, dass der Mann sehr schön reitet und „man da mittlerweile gut hingucken kann“. Das war ja schon schlimm genug für sie, wo sie doch von Piaffe und Passage träumt und neuerdings Garrocha. Immerhin versucht sie das mit dem Reiten schon sehr lange und hat auch furchtbar viele Bücher darüber gelesen. Und da kommt doch dieser Mann daher und reitet irgendwelche komplizierten Lektionen, die ihm anscheinend gut gelingen und ist noch dazu locker und entspannt dabei.

Die Frau versucht natürlich, sich das nicht anmerken zu lassen und heuchelt Begeisterung. Der Mann, verwundert: Wieso? Ist das irgendwas Besonderes?

Die Frau springt fast aus dem Hemd, bleibt aber tapfer und faselt etwas von anspruchsvollen Lektionen für Fortgeschrittene. Den Mann langweilt dass Gesprächsthema ein bisschen, weil er ja im Grunde seines Herzens nur ausreiten will. Den Reitunterricht hatte ihm die Frau aufgenötigt, die in dem Zusammenhang von Gesunderhaltung und Gymnastizierung sprach. Das hört sich ja auch vernünftig an, oder? Die Frau hatte aber leider vergessen, ihren eigenen diesbezüglichen Geltungsdrang zu erwähnen, den sie regelmäßig auf mir und neuerdings auch auf dem Lutschi auslebt. Sie nimmt das Reiten sehr persönlich, und wenn Frau Reitlehrerin – wie das so ihre Art und eigentlich auch ihr Job ist – mit Kritik nicht spart, ist sie entweder grantig oder am Boden zerstört, je nach Wetterlage. Statt dass sie mal innerlich ein bisschen lockerlässt, so wie der Lutschi und ich und auch der Mann, ist sie krank vor Ehrgeiz und eben auch grün vor Neid, weil der Mann mal eben das reitet, wofür sie Jahrzehnte Jahre gebraucht hat.

Ja, und dann war da noch Schulterherein und Trawehr, fällt dem Mann ein, der zwischendurch an Fußball gedacht hat, während die Frau so komisch guckte. Er mag dieses Fußball ganz gern, hat er mir mal erzählt. Klare Ergebnisse und kein Schnickschnack. Faxe meint, mit „Schnickschnack“ würde der Mann gruppendynamisch-künstlerische Prozesse meinen, die die Frau für einen wichtigen Bestandteil ihrer Reiterei hält. Mit anderen Worten: Rumstehen und lästern und Firlefanz mit Pferdchen drauf für Zuhause kaufen. Woran ja erstmal nichts Schlechtes ist, weil sie mir in der Zeit keine rosa oder pinken Flauschi-Halfter oder Schabracken kaufen kann 😉
Schulterherein auch? Und Travers? Das ist doch total schwierig, rutscht der Frau raus.
Eigentlich nicht. Man muss halt nur das machen, was Frau Reitlehrerin sagt, erwidert der Mann, was ich sehr mutig finde.
Die Frau guckt inzwischen ziemlich humorlos.
Frau Reitlehrerin hat auch von Piaffe gesprochen, behauptet der Mann, nur, um mal zu sehen, was als nächstes passiert.

Und jetzt weiß ich nicht, ob die Frau nochmal wiederkommt oder ob der Lutschi und ich jetzt Waisenpferde sind. Gerade eben jagt sie den Mann zum dritten Mal mit der Mistgabel um den Reitplatz.

Advertisements

11 Gedanken zu „Der Mann reitet Seitengänge (und weiß gar nicht, was daran so besonders sein soll)

  1. innenlebendesreiters

    Arme Frau, immer müssen die Männer alles an sich reißen (und das auf noch mit dem kleinen Finger), und armer Pfridolin, der so zwischen den Fronten steht 😦
    Na ja, vielleicht gibt es ja jetzt für dich erst mal Pause … Oder aber verstärktes Engagement von der Frau? 😉
    Lg innenlebendesreiters

    Gefällt 2 Personen

    Antwort
    1. pfridolinpferd Autor

      Liebes Innenleben,

      kein Mitleid mit der Frau! Schließlich ist sie es mit ihrer dauernden Mähnenschnibbelei schuld, dass ich kein Liebesleben habe.
      Aber Pause hört sich gut an. Pause und essen 🙂

      Liebe Grüße
      dein Pfridolin

      Gefällt 2 Personen

      Antwort
  2. Mariam

    Oh, ich kann es so gut verstehen… Ich habe meinem Freund Reitstunden geschenkt und jetzt macht er damit weiter. Nach nur 10 Stunden hat er schon mit Übungen angefangen, für die ich 10 Jahre gebraucht habe… Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war, ihn zum Reiten zu bringen. Mein Selbstbewusstsein (was ohnehin nicht sonderlich hoch ist) ist mittlerweile im Stall ziemlich zerstört. Aber na ja, vielleicht kann ich mir dann in 2 Jahren ein Jungpferd kaufen und dieses Pferd dann kostenlos von meinem Freund bis zur hohen Schule ausbilden lassen. (Scherz)

    Gefällt 3 Personen

    Antwort
    1. pfridolinpferd Autor

      Ich finde das eine gute Idee. Wenn die Frau so weitermacht, wird Frau Reitlehrerin bestimmt beschließen, dass es besser für den Lutschi ist, wenn ihn der Mann reitet. Der Mann muss dann aber wahrscheinlich beim Lutschi in der Box schlafen, weil die Frau ihn zuhause nicht mehr reinläßt 😉

      Gefällt 2 Personen

      Antwort
  3. clickerpony

    Ich kann die Frau so gut verstehen! Zwar reitet der Mann bei uns in der Familie nicht, aber wenn die eigene Tochter schon mit 12 Jahren Seitengänge reitet, möchte man Ihr schon manchmal das Pony unterm Hintern wegziehen…

    Gefällt 2 Personen

    Antwort
  4. Land Ei

    Och, das ist sicher lustig, wenn Menschen sich mit Mistgabeln um den Reitplatz jagen. Wir haben keinen Mann. Einmal hat die Kathi einen angeschleppt, aber der fand, das wir streng riechen. Also wirklich. Wir sind Damen von Welt, die Kathi und ich. Wir riechen nicht streng. Dann ist er nach einer Zeit wieder verschwunden weil er ganz eifersüchtig auf mich war. Ich rieche halt besser als er. 😉
    Bei mir im Stall wohnt so ein Kerlchen, aber der ist so hochnäsig, weil er auf Turniere geht und meine Freundin Zimba und ich nicht. Den würde ich wohl auch ab und zu mal mit der Mistgabel….
    Deine Flora Fuchspferd

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. pfridolinpferd Autor

      Liebe Flora,
      Männer können auch toll sein – guck mich an 🙂
      Glücklicherweise hat der Mann das Rennen gewonnen, weil die Frau nicht so viel Kondition hat. Dabei trainieren wir immer so hart, beim Wildpferdefang auf der Wiese. Merkwürdig.
      Mit anderen Worten: die Mistgabel ist wieder frei und ich könnte sie dir demnächst mal vorbeibringen.

      Liebe Grüße
      dein Pfridolin

      Gefällt 1 Person

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s